haltung-kinesik-kontext

Vadim Schäffler und Gabriele Worgitzki

Eröffnung am Freitag, den 4. Mai 2012 um 19 Uhr

Vortrag von Valentin Rauer am 1. Juni um 19 Uhr

„Haltung zeigen“ Gestik zwischen Öffentlichkeit und Offenbarung

"Haltung - Kinesik - Kontext" oder Die Sprachen der Körperhaltung

Um die Sprachen des sich bewegenden und positionierenden Körpers in Raum und Zeit geht es in der Ausstellung von Vadim Schäffler und Gabriele Worgitzki.

Zu sehen sind Arbeiten, die unbewusste menschliche Körperhaltungen erforschen. Dabei ist für beide Künstler weder die physiognomische Untersuchung oder das Personenportrait relevant, sondern einzig und allein die Gestalt und Geste, die sich für eine Person oder Personengruppe fast zwangsläufig aus einer bestimmten Situation entwickelt, die aber im allgemeinen Strudel des modernen Zusammenlebens allzu oft nahezu unbeachtet bleibt.

Beide Künstler nähern sich dem Ausstellungsthema "Haltung - Kinesik - Kontext" jedoch durch ganz unterschiedliche künstlerische Mittel:
Gabriele Worgitzkis einfühlsame Tuschearbeiten aus der Serie „begehbare Räume“ bewegen sich auf einer subjektiven Ebene. Sie transformiert ihre forschende Ausgangsbeobachtung der fotografierten Passanten im öffentlichen Raum, in eine minimalisierte, fast freskenartige Wandmalerei. Alle für sie irrelevanten Informationen, die auf den Ausgangsfotos vorhanden sind, werden dabei weggelassen. So schafft sie es, innerhalb der Flüchtigkeit des pulsierenden Lebensstroms, durch die Reduktion, der Essenz der gestischen Haltung die optimale Gestalt zu verleihen. Dabei ist für sie von besonderem Interesse, wie sich die Figuren im Zeitstrom der Bewegung mit dem Raum verbinden und welche Reflexionen aus dieser Betrachtung entstehen können. Um dies zu verdeutlichen sei an dieser Stelle der Philosoph Gilles Deleuze zitiert: "Der Körper ist Sprache, weil er im tiefsten Grunde "Flexion" ist. In der Reflexion ist die körperliche Flexion gleichsam verdoppelt, geteilt, sich gegenübergestellt, auf sich reflektiert; sie erscheint schließlich für sich, befreit von allem, was sie gewöhnlich verbirgt" (*).


Ganz anders nähert sich Vadim Schäffler dem Phänomen der situativen Körperdynamik. 
„LOOK!“, „Fliegenfänger und Handmalerei“ und „Wartende mit schnellem Strich“ sind Arbeiten einer Werkgruppe. In diesen setzt Vadim Schäffler digital generierte Figuren räumlich in Szene. Die Räume, immer aus der Luftperspektive zu sehen, sind meist leer, der Untergrund eine Art haptischer Resonanzboden. Die Figuren sind standardisiert, uniform und aus einem Computerprogramm generiert. In der Programmierung, im „Maschinenraum des Menschenbildgenerators“ sind Wertigkeiten und Konditionierungen westlicher Medienfiguren (jugendlich sportliche Erscheinung, weiße Hautfarbe) angelegt. 
Es ist die Uniformität der Medienbilder, die Vadim Schäffler interessiert. Indem er den Figuren Farbe und Haare nimmt, beide Accessoires von Individualität, intensiviert er die mediale Gleichförmigkeit. Anhand der kühlen, technisch geglätteten Form menschlicher Erscheinungen arbeitet er Szenarien aus, die an Filmszenen erinnern. Totale Einstellungen, die einen Überblick geben, die das Setting für Geschichten setzen. Geschichten, die die Kommunikation unter Menschen thematisieren. Nonverbale Kommunikation, Körperhaltungen und Blickrichtungen bilden dabei die Grammatik der Erzählung. 
Vadim Schäffler fängt Erzählungen an, bricht Fragmente aus Geschichten heraus oder zeigt nur deren Ende. Es sind Momente des Wartens, des Kämpfens, des Beobachtens, der inneren Unruhe. In den neueren Digitalarbeiten arbeitet er in seine Bilder Kritzeleien ein, naive Zeichnungen und expressiv malerische Gesten. Mal verwebt er diese mit der Erzählung, mal macht er die Kritzeleien selbst zu deren Gegenstand. Das Spannungsfeld des kalten Computerrenderings mit der Haptik der naiven Zeichnung ist für Vadim Schäffler eine neue Subebene, die sich immer weiter ausbildet und mehr Gewicht einnimmt. 


Bei Gabriele Worgitzkis Arbeite stehen die sich auf Gesichtshöhe befindenden farbigen Querstreifen und Farbspritzer nicht nur als Verschleierung der anonymisierten Umgebung, sondern sollen aus subjektiver Perspektive der Künstlerin auch als Kommunikationslinien dienen, welche die Person mit dem Raum verbindet. In Ihren drei figürlichen Tuschzeichnungen (jeweils ohne Titel) ist auf der rechten Wandseite eine Geste eines erschrocken wirkenden Mannes zu sehen, der von einem ockergelb-orangerotem Schweif umgeben ist, auf der schräg gegenüberliegenden Wand, ist eine nachdenklich wirkenden Frau dargestellt, die eine Hand an ihr Ohr legt, umgeben von einem blauen Querstreifen. Auf der hinteren Wand sind die zwei dahinschwindenden Männer des Einladungskartenmotivs zu entdecken. In ihrer gestischen Körperhaltung fällt die Ähnlichkeit der Physiognomie und Armhaltung auf, wodurch man evtl. darauf schließen könnte, dass sie vielleicht bewusst das selbe Ziel vor Augen haben.
Somit wäre die unbewusste Körperhaltung durch die "Sprache des Bewusstseins" gesteuert. Es erreicht uns also eine tiefergehende Erkenntnis vom Ursprung der körperlichen Haltungseinnahme, denn die Sprache des Bewusstseins gibt uns Halt und bestimmt zumeist unsere Haltung. In einer vierten Arbeit in Form einer Collage (Fotografie und Zeichnung) verdeutlicht Gabriele Worgitzki eindrucksvoll den Zusammenhang zwischen erlebten Sehen, technischem Bild und prozesshafter zeichnerischer Entwicklung der gestischen Essenz.


Die Ausstellung erzeugt somit ein Feld unterschiedlicher Sprachen von Körperhaltungen, wobei einerseits die Sprache der eigenen persönlichen Haltung thematisiert, andererseits aber auch der Facettenreichtum unterschiedlicher Körpersprachen in Raum und Zeit veranschaulicht wird.

(* Gilles Deleuze: Pierre Klossowski oder Die Sprache des Körpers / Pierre Klossowski ou les Corps Langages. In: Critique, März 1965. Übersetzt von Sigrid v. Massenbach.)
© Marcus Kettel 2012


 

04.05.2012 – 02.06.2012