Die malerisch anmutenden großformatigen Fotoarbeiten von Gabriele Worgitzki entstanden aus der Idee heraus, Bilder zu produzieren, die unserer visuellen Wahrnehmung entsprechen. Es verschränken sich Zeitablauf, Moment und Erinnerung in einer komplexen Konstruktion von scharfen und unscharfen Ebenen. Die Figuren aus dem Berliner Bezirk Wedding sind so in den inneren Zeitverlauf der Bilder eingefügt, dass sie uns selbst in das alltägliche Universum des Augenblicks eintauchen lassen.
Gabriele Worgitzki entwickelt Bilder und Videos, die sich dem Phänomen Zeit nähern. Wir befinden uns in Räumen mit Menschen und irgendwie scheint die Zeit der Protagonisten und ihres Umfelds nicht synchron zu verlaufen. Der eine gehetzt, der andere ruhend, das Umfeld rasend. Zeitqualitäten, die sich überschneiden, an einem Ort zusammentreffen und nicht aneinander angeglichen wurden. Geschwindigkeiten werden abgebildet und Zeitläufe, die sich durchmischen und doch nicht berühren, dafür bedürfte es einer Frage oder einer Handlung. Entschuldigung, wie spät ist es? Gabriele Worgitzki zeigt uns Bilder von der Vereinzelung im Gemeinsamen. Sie macht uns auf eindringliche und nachhaltige Weise bewusst, dass es keine Gegenwart gibt, sondern nur Gegenwärtigkeiten, die sich an Orten überlagern, aber selten im Gleichtakt laufen. Die Differenz der Geschwindigkeiten ist gleich der Distanz zwischen mir und dir, der Stadt und uns. Alles was wir tun können, ist uns auf der Bühne der Geschwindigkeiten zu einer kurzen Reise zu verabreden. Einen Takt definieren, diesem zu folgen, für einen Moment oder eine Dauer. Dann wird aus rasen eine Reise und aus Stillstand eine Pause, aus einem Moment ein Monument.
Daniel Kerber
Sie arbeitet. Und gäbe es Arbeitsvorschriften für Zeichner, dann würden
sie bei Gabriele Worgitzki so aussehen: Unbedingt morgens - in Ruhe -
als erstes -momentan. Sie zeichnet, bevor der Tag neue Spuren schreibt
und bevor die Tür zur Nacht sich ganz schließt. Sie zeichnet, wenn man
so will im Korridor zwischen Bewußtsein und Unbewußtem. Im Zeichnen fand
sie ein selbstlernendes System. Tägliche Praxis schult. Auge und Hand
arbeiten von Jahr zu Jahr stimmiger.
Trotzdem tragen ihre Tuschezeichnungen bis heute Grate, Schürfe und
verwischte Konturen. Es gibt Leerstellen, Unfertiges, Flüchtiges – doch
immer auch eine Art Halt. Es passiert, wenn sie die erlebten Momente
beim Vorbeischweifen festhalten will, daß sich die Essenz des
Augenblicke in ihr Gedächtnis einschneidet, intellektuell scharf
geschnitten wie mit Solinger Klinge. Aber schon eine Nacht später tritt
eine eigene, neue Farbe dazu. Und die zeichnende Geste wiederholt viel
mehr als nur das Gesehene. Dann schüttelt sie eine Gedächtnisspur der
Begegnung, so flüchtig sie war, wie aus dem Handgelenk. Und der große
Rest der Geschichte fließt mit der Tusche zurück ins Glas.
Thea Herold
In den einfühlsamen Tuschezeichnungen von Gabriele Worgitzki eröffnen sich überlagernde Wahrnehmungsräume: Menschen, Landschaften, Pflanzen, Utensilien. Die konventionelle Idee eines linearen Denkens hinterfragend, bringt die Künstlerin unterschiedliche Wirklichkeitsebenen zusammen, wie sie sich tatsächlich ohne Unterlaß und zumeist unbewußt in unserem Geiste abspielen. Aus diesem komplexen, multi-dimensionalen Erfahrungsnetz greift sie mit der pointierten Erkenntnis des Innehaltens einzelne Momente heraus und erzählt von ihrer Flüchtigkeit, Zerbrechlichkeit und Besonderheit. Genau Worgitzkis subtile Zeichnungen zu studieren, bedeutet unseren dahinströmenden Lebensaugenblicken die Chance zu verleihen, die sie in sich tragen, nämlich aufzuwachen in der Sinnenhaftigkeit der sich jeweils präsentierenden Ort-Zeit-Situation.
T.M.v.P.
